Brauchtum im August

Brauchtum im August

„Frauendreißiger“, die beste Zeit zum Kräutersammeln

Am 15. August, dem Feiertag Mariä Himmelfahrt, werden Kräuterbüschel zur Kräuterweihe in die Kirche mitgebracht, an die Messbesucher verteilt und dann zu Hause aufgestellt. Zum Schutz vor Blitzschlag sollte, wer sich an Aberglauben orientierte, Kräuter aus diesem Buschen ins offene Feuer werfen.

Damit naht der „Frauendreißiger“, die 30-Tage-Zeitspanne ab dem 15. August. Sie gilt als die beste Zeit zum Kräutersammeln. Viele Pflanzen sollen jetzt ihre giftige Wirkung verlieren und dadurch ihre größtmögliche Heilkraft entfalten.

Das Frauendreißiger-Brauchtum hängt eng mit christlichen Traditionen zusammen. In diese 30 Tage fallen die meisten Gedenktage „unserer lieben Frau“: 15.8. Mariä Himmelfahrt, 8.9. Mariä Geburt, 12.9. Mariä Namen, 15.9. Mariä Schmerzen. Ein vatikanisches Dokument aus dem Jahre 2003 grenzt diese Zeit der Marienverehrung genau ein: von der Vesper zu Mariä Himmelfahrt bis zum Sonnenuntergang am Gedächtnistag Schmerzen Marias – ein Marienmonat im Sommer.

In diese urkatholische Geisteshaltung mischt sich alter Aberglaube: „Ein Laubfrosch zwischen Mariä Himmelfahrt und Namensfest gefangen, in ein Läppchen Leinwand gebunden und am Halse getragen, vertreibt den Schwindel. Nur darf er nicht mit bloßer Hand berührt worden sein“.


Was „Marienbündel“ bewirken

Vernünftigeren Hintergrund hat der Brauch des Kräutersammelns. Heilpflanzen, die jetzt im Spätsommer gesammelt werden, haben mehr heilende Wirkung als alle anderen; Ausnahmen gibt’s immer: Johanniskräuter sollte man schon zur Sommersonnenwende pflücken.

Und wieder gehen Religion und Aberglaube Hand in Hand: Kräuterbuschen aus geweihten Kräutern, mit den Blüten nach unten im Herrgottswinkel zum Trocknen aufgehängt, sollen gegen Verzauberungen und Krankheiten helfen, insbesondere wenn sie mit Weihrauch vermischt sind und das Krankenzimmer damit ausgeräuchert wurde. Teile der Buschen wurden früher in der Scheune unter die erste Garbe gelegt, kranken Tieren zur Genesung ins Futter gemischt, und eine kleine Menge kam sogar ins Butterfass. Diese Kräuterbuschen bestehen aus 7, 9, 12 bis 77 oder 99 verschiedenen Kräutern – durchwegs Zahlen, denen magische Wirkung zugeschrieben wird.

Am beliebtesten waren im Kräuterbüschel, einst „Marienbündel“ oder „Bettstroh unserer lieben Frau“ genannt, das Johanniskraut (gegen böse Geister), Schafgarbe (gegen Schwindsucht), Tausendguldenkraut (hilft Hexen zu erkennen), Kamille (stärkt das Hirn), Bibernell („hält die Pestilenz zur Stell“), Frühlingsenzian (Liebeszauber), Bärenklau (gegen Blitzgefahr) und Baldrian (hält Unholde von Brautleuten fern). Nur die „Brennende Liebe“ durfte nie im Kräuterbüschel sein: Lychnis Chalcedonica war eine beliebte Festblume bei Tanzveranstaltungen und wurde deshalb als lasterhaft verunglimpft.


Schwegeln am Pfeifertag

Im Salzkammergut zählt der Pfeifertag zu den beliebtesten Sommerbräuchen am 15. August. Der Grund liegt im besonderen Klang seltener Instrumente. Viele lieben den Dudelsack, andere halten sich die Ohren zu bei seinem schrillen Gedudel. Ein ähnliches Schicksal ist der Schwegelpfeife beschieden. Nach langer Tradition drohte sie auszusterben, da erfand der Ischler Leopold Khals am 15. August 1925 den Pfeifertag. Seither findet dieser zu Mariä Himmelfahrt statt, jedes Jahr auf einer anderen Alm zu beiden Seiten der Landesgrenze zwischen Oberösterreich und der Steiermark.

Der Austragungsort zwischen Bad Aussee und Ebensee wird ausschließlich durch Mundpropaganda „eing’sagt“. Bis Mittag spielen nur Seitlpfeifer, Trommler und Maultrommler, der Nachmittag ist dann jeder Art von Volksmusik gewidmet. Ein einzigartiges Fest, ursprünglich nur für den engsten Kreis gedacht, ist längst zur Attraktion für Tausende angewachsen.

Das „Pfeiferl“ zählt zu den ältesten und einfachsten Instrumenten. Jeder Schnitzer konnte sich eines selbst basteln, wie die Maultrommel passte es in den Hosensack und war daher besonders bei Hirten und Wanderburschen beliebt. Im Laufe seiner langen Geschichte erhielt es unterschiedliche Bezeichnungen. Der Name Schwegel erzählt von Pfeiferln aus angebohrten Knochen, geht er doch auf „suegala“ (althochdeutsch für Schienbeinknochen) zurück.

Seitn- oder Seitlpfeife drückt aus, dass es wie eine Querflöte gespielt wird. Auch das gotische „swiglja“ bedeutet Pfeife und kommt in einer Bibelübersetzung aus dem 4. Jahrhundert vor (Matthäus 11-17: „Wir schwegelten euch und ihr tanztet nicht“).

Wegen ihres durchdringenden Tons sind die Schwegeln fürs Musizieren im Freien geschaffen, was die Besucher des Pfeifertages schätzen. Er machte sie jedoch auch zum idealen Instrument für die Landsknechtheere früherer Jahrhunderte, da sie mit Trommelbegleitung sogar im Kriegseinsatz nicht zu überhören waren. Seit Kaiser Maximilian ertönten sie auf Europas Schlachtfeldern, bis sie um 1900 von den Militärmusikkapellen, also Blasmusik abgelöst wurden.

Klaus Huber

Mag. Klaus Huber schreibt ab sofort – jeweils zu Monatsbeginn – den Heimatwerk-Blog über das oö. Brauchtum der folgenden Wochen.
Der Volkskultur ist Klaus Huber seit Jahrzehnten sowohl beruflich (ORF) als auch ehrenamtlich (Stelzhamerbund, OÖ. Forum Volkskultur) eng verbunden.
Die OÖ Nachrichten, für die er jeden Donnerstag eine Volkskulturkolumne schreibt, haben ihn „Mister Volkskultur“ getauft – Ausdruck der Wertschätzung für den unumstrittenen Experten, der unsere Traditionen nicht bloß bewahren, sondern ständig sinnvoll weiterentwickeln will.
Hauptanliegen Klaus Hubers ist die Sprache.„Das Wort ist mein Werkzeug“, sagt er und verknüpft seine Betrachtungen oft mit hintergründigen Fachsimpeleien.
Humorig aufbereitet, sollen sie Freude bereiten und Interesse wecken.