Brauchtum im Juli

Brauchtum im Juli

So ist’s Brauch im heißen Juli

Schulschluss und Hochsommer sind auch für zahlreiche Volkskultur- und Brauchtumsspezialisten gleichbedeutend mit Durchschnaufen – eine kurze Phase des süßen Nichtstuns im heißen Juli. Andere schätzen dagegen das Prinzip der antizyklischen Beschäftigung: Wie sie sich im Advent für den Fasching vorbereiten und im Fasching für die Fastenzeit, so erarbeiten sie jetzt bei brütender Hitze all das, womit sie in ein paar Monaten unser Leben bereichern.

So manche Goldhaubenfrau strickt im Hochsommer warme Socken und Fäustlinge für einen Standlmarkt im Herbst, um dann den Erlös für wohltätige Zwecke spenden zu können. Der Naturfotograf sortiert und bearbeitet jetzt seinen Schatz an winterlichen Stimmungsbildern, denn Ende November muss die Präsentation vor den Augen eines kritischen Publikums bestehen. Ein Autor zieht sich zurück, versinkt gedanklich im Advent und schreibt im Sommerurlaub ein neues Hirtenspiel.


Unser Wetter und der „Große Hund“

Im Juli, kurz bevor die Ernte eingefahren wird, ist das Wetter für die Bauern äußerst wichtig. Das schlägt sich in jahrhundertelang erprobten Bauernregeln nieder.

  • Im Juli muss vor Hitze braten, was im September soll geraten.
  • Juli schön und klar gibt ein gutes Bauernjahr.
  • Ein tüchtiges Juligewitter ist gut für Winzer und Schnitter.

Als besonders beachtetes Datum gilt der 10. Juli, der „Siebenbrüder-Tag“, benannt nach sieben frühchristlichen Märtyrern:

  • Wie es die sieben Brüder treiben, soll ’s Wetter sieben Wochen lang bleiben.
  • Zu Siebenbrüder Regen bringt dem Bauern keinen Segen.
  • Der 12. Juli gilt als Beginn der heuer bis 20. August andauernden „Hundstage“, der oftmals heißesten Zeit des Jahres ab dem Aufgang des Sternbildes „Großer Hund“. Der Begriff kommt also aus der Astronomie. Schon die antiken Lateiner, bei denen Hund „canis“ hieß, nannten den Hochsommer „dies caniculares“ (= Hundstage). Von diesem Wort stammt das russische „kanikuly“ für Sommerferien. Und wenn in der ärgsten Sahara-Hitze eine Fata Morgana den Dürstenden scheinbar Wasser vorgaukelt, nennen das die blumig formulierenden Araber „vom Himmel tropfender Speichel des Hundssterns“.

    Bei uns gilt für die Hundstage eine ziemlich unoriginelle Bauernregel:

    • Hundstage heiß, bringen dem Bauern viel Schweiß.

    Ausdrucksstärker sind die Regeln für den Jakobustag, den 25. Juli:

    • Jakobi ohne Regen deutet auf strengen Winter.
    • Sind an Jakobi die Tage warm, gibt’s im Winter viel Kälte und Harm.
    • Um Jakobi heiß und trocken, kann der Bauersmann frohlocken.
    • Jakobi klar und rein, wird das Christfest frostig sein.
    • Wenn Jakobi kommt heran, man den Roggen schneiden kann.
    • Ist Jacobus am Ort, ziehn die Störche bald fort.

    Heiliger schützt Autofahrer

    Eine frühchristliche Legende erzählt, der Heilige Christophorus – sein griechischer Name bedeutet wörtlich „Christusträger“ – habe das Jesuskind auf seinen Schultern sicher durch einen reißenden Fluss ans andere Ufer getragen. Deshalb wurde Christophorus zum Schutzherrn für alle, die den Gefahren des Wassers ausgesetzt waren, vor allem Flößer und Schiffsleute. Bald wurde dieses Patronat übertragen auf alle Reisenden, schließlich auf die Autofahrer und das gesamte Transportgewerbe. So entstand Mitte des 20. Jahrhunderts auch der Brauch, eine Christophorus-Plakette am Armaturenbrett anzubringen, die vor den Gefahren im Straßenverkehr schützen sollte.

    Am Christophorus-Sonntag – heuer am 21. Juli – finden in vielen Orten Fahrzeugweihen statt, bei denen Autos, Traktoren und andere Arbeitsfahrzeuge geweiht werden. Sogar die Notarzthubschrauber des größten österreichischen Autofahrerclubs wurden „Christophorus“ getauft.

    Der Heilige Christophorus, dargestellt als hünenhafter Mann mit Stab, wird von Katholiken, Altkatholiken, Orthodoxen und Teilen der anglikanischen Gemeinschaft als Märtyrer verehrt. Auf vielen Kirchenwänden prangt sein überdimensionales Bild, denn es hieß, an einem Tag, an dem man auf diese Darstellung schaut, bleibe man vom jähen Tod verschont. Dabei gibt es keinerlei Beweis für die historische Existenz dieses Heiligen. Bekanntlich kann aber der Glaube allein Berge versetzen…


    Würfeln um Leben und Tod

    In Frankenburg proben mehr als 600 (!) Mitwirkende aus dieser 4.800-Einwohner-Gemeinde schon seit vielen Wochen für das „Frankenburger Würfelspiel“ – leider keine Fiktion, sondern traurige historische Wahrheit.

    Beim Blutgericht auf dem Haushamerfeld im Jahre 1625 ließ Adam Graf Herberstorff, Befehlshaber der katholischen bayerischen Söldner, die protestantischen Ratsherrn und Bauern aus Frankenburg um ihr Leben würfeln. Jeder Zweite wurde gehenkt. Dieses grausame Stück oberösterreichischer Geschichte wird hier alle zwei Jahre wieder lebendig. Die farbenprächtige, dramatische Inszenierung unter freiem Himmel, die perfekt passende Naturkulisse und die unverfälschte Spielfreude der Laiendarsteller bescheren den 5000 Besuchern auf der riesigen Naturbühne ein packendes, berührendes Erlebnis. Auf keiner anderen Sommerbühne ist Schauspiel so authentisch, so eng mit den Wurzeln und sogar mit den Familiengeschichten der Mitwirkenden verbunden.

    Das „Frankenburger Würfelspiel“ hat einen fixen Platz im oberösterreichischen Volkskultur-Sommer. Es zeigt anschaulich, wohin Intoleranz und religiöser wie auch politischer Fanatismus führen können. Premiere ist heuer am 26. Juli. Weitere Aufführungen: 27.-28. Juli, 2.-4., 9.-11., 14.-15. August, Info: office@wuerfelspiel.at.

    Klaus Huber

    Mag. Klaus Huber schreibt ab sofort – jeweils zu Monatsbeginn – den Heimatwerk-Blog über das oö. Brauchtum der folgenden Wochen.
    Der Volkskultur ist Klaus Huber seit Jahrzehnten sowohl beruflich (ORF) als auch ehrenamtlich (Stelzhamerbund, OÖ. Forum Volkskultur) eng verbunden.
    Die OÖ Nachrichten, für die er jeden Donnerstag eine Volkskulturkolumne schreibt, haben ihn „Mister Volkskultur“ getauft – Ausdruck der Wertschätzung für den unumstrittenen Experten, der unsere Traditionen nicht bloß bewahren, sondern ständig sinnvoll weiterentwickeln will.
    Hauptanliegen Klaus Hubers ist die Sprache.„Das Wort ist mein Werkzeug“, sagt er und verknüpft seine Betrachtungen oft mit hintergründigen Fachsimpeleien.
    Humorig aufbereitet, sollen sie Freude bereiten und Interesse wecken.