Brauchtum im März

Brauchtum im März

Ebenseer Nationalfeiertage

Fasching bedeutet Ausnahmezustand. Ob Fastnacht oder Karneval in Mainz, Venedig oder Rio, in allen Faschingshochburgen der Welt ist zu dieser Zeit jede Normalität außer Kraft gesetzt. Kein Wunder, dass diese närrischen Tage in manchen Regionen als „fünfte Jahreszeit“ gelten.

Oberösterreichs Faschingshauptstadt ist Ebensee. Nirgendwo sonst wird die närrische Zeit mit solcher Begeisterung gelebt, sogar Geschäfte, Büros und Schulen bleiben während der Faschingshöhepunkte geschlossen. Traditionell darf man während der „Ebenseer Nationalfeiertage“ schonungslos spotten, auch Prominente öffentlich kritisieren und so manches verraten, das ihnen passiert ist. Dafür gilt eine gleichsam historisch gewachsene Amnestie.

Im Vordergrund steht jedoch der Spaß, die Freude am Erleben und Weitertragen der Jahrhunderte alten Tradition. Das selbst geschneiderte Fetzengwand, die „g’schnegerte Lårvn“ (geschnitzte Holzmaske) und der Fetzenhut sind persönliche Heiligtümer überzeugter „Låcknpåscher“ (Ebenseer).

Nachwuchssorgen kennen sie nicht. Beim „Nuss-Nuss“-Brauch sind schon die Kleinen aktiv dabei. Das Prinzenpaar wirft Nüsse, Orangen und Süßigkeiten in die Menge. Um möglichst viel zu ergattern, schreien die Kinder eine Strophe des Fetzenmarsches:

„Fåschingtåg, Fåschingtåg, kimm na båld wieda,
wånn ma koa Geld nit håbn, schern ma di nieda.
Hutzn, Fetzn, Lempn auf und nieda, hi’ und he’,
ålles fåhrt nåch Ebensee.“

Wer am lautesten schreit, bekommt das meiste. Wie später oft auch im richtigen Leben…

Das unverrückbare Programm dieser Ebenseer Faschingtage: Samstag Kinderumzug, Sonntag Faschingsumzug, Montag Fetzenzug, Dienstag „Bassgeigneingrabm“* und „Nuss-Nuss“, am Aschermittwoch dann das dramatische Faschingverbrennen. Aus is’s mit ihm. Bis er nächstes Jahr mit neuer Kraft zurückkehrt.

*) Am Faschingsdienstag werden der Baßgeige die Saiten abgenommen und weiße Leintücher umgehängt. Sie wird aufgebahrt und feierlich, unter scherzhaften Trauergesängen und Begleitung einer „Katznmusi“, durch die Straßen getragen. Schließlich wird der Brummbass bei Wirtshäusern mit Most und Schnaps „eingsegnt“.

Sierning schlägt Villach

Der Faschingsdienstag ist ein Wendepunkt, im religiösen wie im weltlichen Brauchtum. Vor dem abendlichen TV-Unfug aus Villach lockt der bei weitem lustigere Rudenkirtag nach Sierning. Tanzende Gstanzlsänger unterhalten dort ihr Publikum mit witzigen, die Hoppalas, Fehlleistungen und kleinen Skandale ihrer Region gnadenlos aufzeigenden Texten. Gemächlich schreiten sie zur kritischen Tat, im Takt des Traunviertler Landlers schnalzen sie den Promis, die sie „ansingen“, deren fragwürdiges Handeln in gereimten Achtzeilern um die Ohren – eine niveauvolle Gaudi, ganz schön frech, doch nie derb.

Niemand regt sich mehr darüber auf. Vor gut hundert Jahren dagegen saß einmal eine ganze „Rud“ (Gruppe) wegen Verunglimpfung der k.u.k. Obrigkeiten eine Woche lang im Kotter! Und noch in jüngerer Zeit musste eine Rud auf dem Gendarmerie-Posten antanzen, wo ihr streng die Leviten gelesen wurden. Wie konnte man ausgerechnet d’Schanddinger kritisieren…

Heutzutage geht’s den Narren besser. Sie enthüllen zwar Heimlichkeiten der „besseren Gesellschaft“ und prangern deren Unzulänglichkeiten an. Doch weil sie ihre Indiskretionen in lustige Verse verpacken, applaudieren ihnen sogar die Bloßgestellten. Wer noch so frech entlarvt wird, muss sich das wohl oder übel gefallen lassen. Die Sierninger Mundartdichterin Christine Kaltenböck formulierte es kurz und bündig: „Miassts unser Goschn vatragn und derfts uns net amal klagn!“

Narren genießen eben Narrenfreiheit. Schon an mittelalterlichen Höfen durfte in Liedern und Gedichten angeprangert werden, was dem Volk nicht gefiel. Die bei Fürsten angestellten Hofnarren hatten nicht nur die Erlaubnis, sondern sogar die Aufgabe, Missstände zu kritisieren und die Wahrheit offen auszusprechen.

Fasten für Gesundheit und Figur

Dann ein extremer Stimmungsumschwung am Aschermittwoch, dem ersten Tag der Fastenzeit. Der Heringsschmaus, das allgemeine Völlern mit der Rechtfertigungslüge, man esse ja eh nur Fisch, mag als letzter Ausreißer vor den Askesewochen durchgehen. Das große Fressen an diesem strengen Fasttag beschließt jedoch endgültig die Hoch-Zeit der volkstümlichen Narren und Schlemmer.

40 Tage lang dürfen wir nun den Fasching verdauen, der Gesundheit und der Figur zuliebe.

Weitere Glanzlichter des  Faschings in Oberösterreich:

• „Mordsg’schicht“ am Faschingssonntag in Traunkirchen: Elegant gewandete Sänger verreißen in Moritaten die lächerlichsten Missgeschicke ihrer Mitbürger.

• Beim „Faschingsbriefsingen“ von Obertraun ziehen am Rosenmontag als Keppelweiber verkleidete Männer von Gasthaus zu Gasthaus und besingen ebenfalls die Hoppalas des letzten Jahres.

Klaus Huber

Mag. Klaus Huber schreibt ab sofort – jeweils zu Monatsbeginn – den Heimatwerk-Blog über das oö. Brauchtum der folgenden Wochen.
Der Volkskultur ist Klaus Huber seit Jahrzehnten sowohl beruflich (ORF) als auch ehrenamtlich (Stelzhamerbund, OÖ. Forum Volkskultur) eng verbunden.
Die OÖ Nachrichten, für die er jeden Donnerstag eine Volkskulturkolumne schreibt, haben ihn „Mister Volkskultur“ getauft – Ausdruck der Wertschätzung für den unumstrittenen Experten, der unsere Traditionen nicht bloß bewahren, sondern ständig sinnvoll weiterentwickeln will.
Hauptanliegen Klaus Hubers ist die Sprache.„Das Wort ist mein Werkzeug“, sagt er und verknüpft seine Betrachtungen oft mit hintergründigen Fachsimpeleien.
Humorig aufbereitet, sollen sie Freude bereiten und Interesse wecken.