So eine Bescherung!

So eine Bescherung!

Treten und werfen

Ausgerechnet im Advent, der friedlichsten Zeit des Jahres, wird getreten und mit Schlapfen geworfen – ist unser Brauchtum gar gewalttätig? Keine Unterstellungen, liebe Leute, staunt einfach nur über Jahrhunderte alte Bräuche. Und ahmt sie nach! Es wird ein Heidenspaß*.

Rüstet euch für die „Thomasnacht“. Die Nacht vor dem 21. Dezember, laut Überlieferung Gedenktag des Apostels Paulus, ist die Raunacht der Wintersonnenwende. Am Vorabend wurde mit dürren Ästen das Sonnwendfeuer entfacht, in dem man unbrauchbar gewordene Dinge verbrannte – Sinnbild der „Entsorgung“ von Hass, Neid und Streit. Denn das neue Jahr sollte sündenfrei begonnen werden, und die Sonnenwende am Thomastag galt einst auch als Jahreswechsel.

Nach altem Glauben war der richtige Zeitpunkt für Orakelbräuche, für einen Blick in die Zukunft. Da Mädchen früher meist sehr jung heiraten wollten, war das Patschenwerfen besonders beliebt: Ein unverheiratetes Mädchen steht mit dem Rücken zur Tür und wirft seinen linken Patschen oder Schlapfen über die Schulter zurück. Fällt er mit der Spitze zur Tür, wird noch in diesem Jahr geheiratet!

Heiratswillige Mädchen rufen mit dem „Bettstaffeltreten“ auch den Heiligen Thomas an: Er soll ihnen den Zukünftigen im Traum erscheinen lassen. Pater Amand Baumgarten, Benediktiner und Heimatforscher in Kremsmünster, beschrieb den Brauch im Jahre 1860 so: „Die Dirne stellt sich auf das Bett, so daß sie mit der Sohle die äußere Bettwand (Bettstaffl) berührt, und sagt, indem sie dreimal auf das Holz tritt:

Bettstaffl, i tritt di,
Heiliga Domas i bitt di,
Laß ma heit Nacht erschein’
Den Herzallerliebsten mein.

Der Zukünftige zeigt sich dann im Traum.

In ihren „Deutschen Sagen“ hatten schon die Brüder Grimm vor gut 200 Jahren geschrieben:
„Es ist Glaube, dass ein Mädchen in der Thomas-Nacht, Christ-Nacht und Neujahrsnacht seinen zukünftigen Liebsten einladen und sehen kann. Es muss einen Tisch für zwei decken, es dürfen aber keine Gabeln dabei sein. Was der Liebhaber beim Weggehen zurücklässt, muss sorgfältig aufgehoben werden, er kommt dann zu derjenigen, die es besitzt, und liebt sie heftig.“ Vom Heiraten ist nicht die Rede.

*)Heidenspaß?

Wundert sich jemand über meinen Ausdruck „Heidenspaß“? Ist das noch politisch korrekt? Wörter wie „Neger“ und „Weiber“ sind längst verpönt, darf man Nicht-Christen trotzdem noch als „Heiden“ verunglimpfen? In diese semantische Haarspalterei mische ich mich nicht ein. Ich sage trotzdem Heidenspaß oder auch Heidenarbeit, da diese Begriffe nichts mit Religion zu tun haben. An der Wurzel steht nämlich das althochdeutsche „hejd“, was Größe oder einen hohen Rang bezeichnet.
Ist etwas allzu teuer, kostet es ein Heidengeld,  Adelheid ist eine Dame von edlem Rang, die Heide ist eine sehr große Wiese, und ich kenne keine Heidenangst, denn „z’Tod g’fürcht is a g’storbn“.

Übrigens heißt „Maß“ (im Sinne einer Größenordnung) auf Schwedisch heute noch „hejd“, ein Hinweis auf gemeinsame Sprachwurzeln in grauer Vorzeit. Verwenden wir also unsere „Heiden“-Wörter angstfrei und „hejdlös“ (schwedisch für maßlos, ungehemmt).

Klaus Huber Mag. Klaus Huber schreibt ab sofort – jeweils zu Monatsbeginn – den Heimatwerk-Blog über das oö. Brauchtum der folgenden Wochen.
Der Volkskultur ist Klaus Huber seit Jahrzehnten sowohl beruflich (ORF) als auch ehrenamtlich (Stelzhamerbund, OÖ. Forum Volkskultur) eng verbunden.
Die OÖ Nachrichten, für die er jeden Donnerstag eine Volkskulturkolumne schreibt, haben ihn „Mister Volkskultur“ getauft – Ausdruck der Wertschätzung für den unumstrittenen Experten, der unsere Traditionen nicht bloß bewahren, sondern ständig sinnvoll weiterentwickeln will.
Hauptanliegen Klaus Hubers ist die Sprache.„Das Wort ist mein Werkzeug“, sagt er und verknüpft seine Betrachtungen oft mit hintergründigen Fachsimpeleien.
Humorig aufbereitet, sollen sie Freude bereiten und Interesse wecken.